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Wrecking Crew Diaries
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1996 Panama - Mud of No Return

1996 Panama - Mud of No Return

Was bei allen Göttern des Urschlamms reitet vier vernunftbegabte Männer, ihre V-Twins dorthin zu lenken, wo seit Jahrzehnten Myriaden von Mosquitos, entfesselte Guerilleros, finstere Paramilitärs, paranoide Drogenhändler und verzweifelte Ureinwohner verhindern, dass ein paar Meilen der Panamericana vollendet werden. Die einen nennen diesen weissen Fleck ‚Darien Gap‘, für die 4, die dort waren, ist es die Mutter aller Strassen, der Schlamm ohne Wiederkehr. Und sie haben versucht, die Lücke zu schliessen, in der Strasse, die die beiden Amerikas verbinden soll. Auf Maschinen aus der Wunderwelt der Milwaukee-Traktoren, dezent modifiziert mit Teilen aus den Tiefen der W&W Regale ging der Ritt los. Und nur wenige Polizeikontrollen, touchierte LKWs, lausige Hotelmatratzen, Kakerlakenscharen, Flussüberquerungen, Wolkenbrüche, Panamabiere und gewaltsam ausgebaute Verteiler später endete der panamerikanische Ritt - im Schlamm. Schlamm jenseits aller Vorstellungskraft. Schlamm aus dem einen nur ein Big Foot Geländewagen befreien kann. Schlamm, von dem noch heute ein kunstvoll konservierter Klumpen im klimatisierten W&W Souvenir-Tresor liegt. Als Botschaft an die Nachwelt, dass keine Straße der Welt so erbarmungslos ist, wie die Mutter aller Straßen. Die Panamericana.

Tag 4, Donnerstag, 4. Januar
Pünktlich um 8, also so gegen 9, ging die Fahrt los, Richtung Panamericana. Entspannt nimmt man Kurs auf den Cerro de la Muerte, den Paß des Todes. Doch schon in der Anlaufphase kommt es zu einem unerwarteten Halt: routinemäßig werden von der lokalen Policía auf der Strecke Verkehrskontrollen durchgeführt als abschreckende Maßnahme gegen Fahrzeugdiebstähle. Bei dieser Begegnung mit den einheimischen Ordnungskräften beweist es sich wieder, daß selbst eine Armbanduhr mit den Ausmaßen eines Primärcovers nie zu groß sein kann - vor allem, wenn El Comandante genau die gleiche hat - denn dann dauert die Kontrolle nur halb so lange wie üblich.

Danach schraubt sich der Cerro de la Muerte von tropischer Hitze auf erfrischende 0° in 3500 m Höhe. Daraus ergibt sich nicht nur kleidungstechnisch eine echte Herausforderung, sondern auch ein außerordentlich guter Grund für einen Fahrerwechsel.

Gerardo und Darius prötteln schon mal los, bergab, und noch bevor die anderen aufschließen können, haben die beiden eine Begegnung der mehrtonnigen Art. Schwungvoll biegen sie aus einer der endlosen Serpentinenkurven auf eine kurze Gerade, da kommen ihnen zwei Trucks entgegen. Ungeschickterweise verteilt auf die linke und die rechte Spur und beide zusammen etwas breiter als die Fahrbahn. Glücklicherweise ist der Graben breit genug und weich genug gepolstert und die schnelle Reaktion der beiden verhindert Schlimmeres. Einer der Trucks kann es aber nicht lassen, Gerardo noch einen kleinen Schubs mitzugeben.

Als die Wolfgang und Klaus eintreffen, verteilt einer der Trucker gerade reumütig Ananas aus seiner Ladung als Trostpflaster. Die gröbsten Beulen an den Mopeds werden gerichtet, die Fahrer wieder durchgetauscht und schon geht’s weiter, mit Darius und Wolfgang hinterm Lenker nach San Isidro de El General - mitten durch’s Naturschutzgebiet Río Macho.

Hinter San Isidro nehmen die Kurven deutlich ab, dafür scheint es aber so eine Art Naturschutzgebiet für besonders heimtückische Schlaglöcher zu sein. Aber darüber sollte man sich auf einer Testfahrt eigentlich nicht beschweren. Bei wem auch? Bestimmt nicht im Grenzkaff Paso Canoas, wo die Pan-tastischen Vier Costa Rica verlassen und im Niemandsland in einem gemütlichen 4-Bett-Schuhkarton die durchgerüttelten Steißbeine zur Ruhe betten. Die Mopeds werden auf Vorschlag des Hotelmanagers ganz elegant in der Hotellobby geparkt..
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Tag 5, Freitag, 5. Januar
Früh am Morgen werden die Maschinen in der Hotellobby angetreten und frohgemut geht's los zum Grenzübergang nach Panamá. Leider, leider fällt den Herren vom panamaischen Zoll auf, daß die Ausreisestempel im Paß vom Vortag sind. Selbst ausführlichste Erklärungen, warum und wieso und weshalb und daß man doch so müde gewesen sei und überhaupt und sie sollten doch mal ein zwei ojos zudrücken - es hilft nichts. Also werden die Fahrzeuge schwungvoll gewendet und es geht nochmal zurück nach Costa Rica, neuen Stempel holen. Und wieder zurück und dann endlich rein nach Panamá.

Denkste - wir hatten doch noch ein paar offizielle Stellen, die gern um Erlaubnis gebeten werden wollen. Und immer schön der Reihe nach: Migración. Aduana. Policía Técnica (so ‘ne Art TÜV, der aber im Gegensatz zum deutschen die begehrten Stempel eher form- und blicklos verteilt). Policía Tráfico. Und zu guter Letzt Señor Fumador - der sich aber nicht etwa für Tabakwaren interessiert, sondern dafür sorgt, daß sich keine kleinen Tierchen nach Panamá einschleichen können, wie zum Beispiel der Gemeine Kolbenfresser.

Nachdem nun die bürokratischen Hürden genommen sind, führt der weitere Weg nach David/Panamá, wo ein Toyota Landcruiser angemietet wird, um die doch recht umfangreiche Fotoausrüstung und dem jeweils vierten Mann halbwegs kommod zu transportieren. Langsam aber sicher nähert man sich Panamá City. Was man schon daran erkennt, daß die Staus häufiger und länger werden. Bis dann 10 km vor Panamá City nichts mehr geht. Die aufgeheizten Straßen dampfen die kurzen Regenschauer in die abendrote Luft und das Verkehrschaos nimmt mit jedem Kilometer Richtung Stadt zu:

Alte amerikanische Busse ohne Auspuff liefern sich Rennen und versuchen, alles andere von der Straße zu drängen. Das gleiche probieren aber auch die überladenen Sattelschlepper und die zahllosen Taxis. Hier fährt der Zweiradfreund um sein Leben. Da hat man kaum Zeit festzustellen, daß die durchaus sinnvolle Erfindung der Verkehrschilder sich noch nicht bis hierher rumgesprochen hat.

So wird nach Herzenslust und Gutdünken mal links mal rechts abgebogen, weiter gradeaus gepöttelt und eh man sich‘s versieht, stecken die Vier mitten in Panamá Viejo. Was sich so romantisch nach einer Altstadtrundfahrt klingt, stellt sich als Kurztrip durch die Hölle eines Ghettos heraus, gegen das selbst das finsterste Eck der Bronx wie ein verträumter Kinderspielplatz aussieht. Nach einem längeren Slalom zwischen Wachleuten mit Schrotflinten, die vor Läden und Restaurants herumstehen und Gruppen schwerstbewaffneter Polizisten, entschließen sich die Vier, schnell und ohne große Zicken ins nächstmögliche Hotel einzuchecken. Auf den - na sagen wir mal bescheidenen Zimmern - halten die Kakerlaken eine fröhliche Willkommensparade ab, die aber aufgrund der bleiernen Müdigkeit der Vier nicht die Beachtung findet, die sie vielleicht verdient hätte. Auch mit dem Bett, das offensichtlich seit mindestens drei Hotelbesitzergenerationen nicht frisch bezogen wurde, hält man sich nicht lange auf: ein Eimerchen Baygon drüber, in voller Montur draufgelegt und fertig. Fix und fertig. Als Lichtblick des Abends kristallisiert sich schnell das eine oder andere Fläschchen "PANAMA"-Bier heraus, das wie von selbst die durstigen Kehlen hinunterperlt und entspannte "Aaahs" und "Ooohs" hervorruft.
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Tag 8, Montag, 8. Januar
Der Proviant ist komplett, die Klamotten duften frühlingsfrisch und der Süden ruft. Na, dann kann’s ja losgehen.Und es geht dann auch los Richtung Chepo - leider nicht sehr weit, denn nach ca. 100 km nimmt der Asphalt auf der Straße ein mehr oder weniger abruptes Ende. Einen Anfang dagegen machte der Regen. Und schon bei den ersten Tropfen zeigt sich, welche der beiden Maschinen noch keine 1000 Testmeilen in Spanien zurückgelegt hatte. Statt ölverschmiert den Regen abblitzen zu lassen, entschließt sich jene, hier und da mal die eine oder andere Zündung auszulassen.

Das wird zu einem sofortigen Ausbau des Verteilers genutzt. Mit gezielten Hammerschlägen werden mehrere Kühlrippen abgeklopft, um den Verteiler zu entnehmen. Erst als er raus ist, fällt den 4 Feinmechanikern auf, daß es einer der berühmten zerlegbaren W&W-Verteiler ist, der zur Rettung der Kühlrippen extra eingebaut wurde. Aber wer braucht schon Kühlrippen. Nun - wenn man schon am Basteln ist, kann man ja auch gleich die Kontakte auswechseln und die Zündung neu einstellen. Dann geht es wieder auf die Schotterpiste. Die großen und kleinen Schotter, die sich in lockerer Formation den Pan-Americanas in den Weg legen, gehen den Pan-tastischen Vier schwer auf den Zeiger. Und noch mehr auf‘s Kreuz. Der Regen tut ein übriges zum allgemeinen Vergnügen - langsam ähnelt das ganze Unternehmen immer mehr einer Tauchfahrt.

Aber wie das nunmal so ist im U-Boot-Geschäft: es wird dann doch ab und zu mal aufgetaucht. Und was könnte dafür besser geeignet sein als eine der lauschigen Open-Air-Snack-Bars direkt an der Straße. Dort füllt man die durchgerüttelten Magen mit warmen Häppchen von Hühnchen und Schweinchen und bestaunt die 200 Meter Asphaltstraße, die den kleinen Ort eindeutig verschönert.

Nachdem man sich an dem wunderschönen, glatten, holperfreien Asphalt erfreut hat und die eine oder andere Runde darauf zurückgelegt hat, um nicht zu vergessen, wie schön Straßen sein können, widmet man sich anderen unterhaltsamen Dingen, zum Beispiel dem sogenannten Wasserleichen-Contest: Wer hat die am schrumpulösesten aufgeweichten Finger? Eindeutiger Sieger wird Darius, der auf nach oben offenen Wasserleichenskala eine unangefochtene 7,3 erreicht.

Viel mehr Zeitvertreib ist dann aber nicht mehr drin, denn - wie wir Tropenfreunde ja wissen - ist’s in äquatorialen Gefilden um 18:00 zappenduster und Motels sind hier auch eher selten. So brechen die Pan-tastischen Vier gestärkt auf und suchen so ab 16.00 Uhr einen Platz, um ihre müden Häupter zu betten. Es zeigt sich schnell, daß Hotelähnliches nicht erreichbar ist und es deshalb nur eine Möglichkeit gibt: ein Dorf der Cuna-Indianer.

Eine kurze Verhandlung mit dem Häuptling und eine Überdachung für die Hängematten war gesichert. Bezahlt wurde mit Konserven, Mehl und Zucker, die sich hervorragend als Währung eignen in Gebieten, in denen der nächste Supermarkt Minimum 250 Meilen entfernt ist.

Während der allabendlichen feierlichen Reduktion der Biervorräte, an der auch der Häuptling teilnahm, kam es zu ersten ernsthaften Kontakten mit Mosquitos - ideale Bewährungsprobe für das überaus empfehlenswerte US Army-Repellent. Als Abendsport pflegt der Dschungelfreund hier: Zielschießen auf lebende Objekte. Zum Beispiel mit der Baygon-Pumpflasche auf daumengroße Kakerlaken, die sich dann innerhalb einer Minute mit einem markerschütternden, regenwalddurchdringenden "Pfffnz!" für immer verabschieden. (Don’t try this at home!) Ein denkwürdiges Vergnügen, das allerdings von der allmächtigen Oberkakerlake mit einem Alptraum der seltsamsten Art quittiert wurde:

Schlummernd liegen die Vier in ihren Hängematten, als dumpfes Trommeln den Urwald durchdringt. Verstört öffen sie die Augen und sehen sich umzingelt von bis an die Zähne mit Honda-Logos und Yamaha-Stickern bewaffneten Riesenkakerlaken. Den Pan-tastischen Vier gefriert das Blut in den Adern. Unter lautem Gejohle und Geschabe werden sie mit Zündkabeln gefesselt und auf einen großen Reis-Haufen gezerrt, wo sie an gigantischen Showa-Gabeln festgezurrt werden. Nun kann die Folterung beginnen: die beiden Pan-Americanas werden von den Kakerlaken mit den Logos und Stickern beworfen, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. Dann braust ein Truck heran und aus seinem riesigen Tankaufleger wird tonnenweise Baygon auf die Mopeds gespritzt, die sich dann innerhalb einer Minute mit einem markerschütternden, regenwalddurchdringenden "Pfffnz!" für immer verabschieden. Dieses unvergeßliche, häßliche Geräusch reißt die Vier aus dem Schlaf und schweißgebadet betätscheln sie liebevoll die unversehrten Pan-Americanas.
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Tag 9, Dienstag, 9. Januar
Zum Frühstück kredenzt der Chef de Cuisine Delikatessen aus der Survivalküche. Nachdem alle ihre Brühe geschlatzt haben, werden die Motorräder gesattelt und Richtung Agua Fría gelenkt. Wie sich vorher schon dezent angekündigt hatte, ähnelte die Fahrt eher dem Ritt auf einer Dampframme als einem gepflegten Motorradausflug durch den Spessart. Denn je näher der Süden kommt, desto größer werden die Lücken in der Schotterschicht.Und nur durch die akrobatische Beherrschung ihrer durchtrainierten Körper gelingt es den Pan-tastischen Vier den Straßenzustand erträglich zu machen.

Fast wie ein Wunder, ja ein berauschender Jungbrunnen wirken da ein Päuschen und ein Bierchen. Jede Meile ist ein Kampf zwischen Schlaglöchern, Schlamm, Regenschauern. Kein Wunder, daß es für die Pan-tastischen Vier ab und zu so aussieht, als würde ihr Weg directamente ins Nirgendwo führen.

Der Tag ist mal wieder auf der Zielgeraden zur Nacht, und ein Nachtlager muß her. Das findet sich dann auch, einige Meilen abseits der Piste in der Indio-Siedlung Santa Fe. Aber der kleine Umweg hat sich gelohnt: Guter Dinge bezieht man zwei Doppelzimmer mit "Dusche". Und siehe da: Das Zimmer ist eine Art begehbarer Schrank und die Dusche ist ein muffiger 80 cm breiter Gang mit Wasserfaß und Plastikbecher. Inklusive freiem Einblick von allen Zimmern. Na, dann fühlt man sich schon nicht so allein.

Viermal frisch geduscht und lockerer Laune begibt man sich zum Dinner in die nahegelegene Snack Bar, wo es leckere gegrillte Dinge gibt, die so gründlich gegrillt sind, daß niemand - geschweige denn der Chef de Cuisine - so recht sagen kann, was das vorher war. Will dann auch niemand wissen, denn Hunger ist Hunger und Urwald ist Urwald.

Als Sättigungsbeilage gab es immerhin Maniok-Wurzeln, die man vor allem an dem ausgeprägten Geschmack nach eingeweichten Socken leicht wiedererkennt. Die Beseitigung des mehligen Gefühls am Gaumen überläßt man einem gepflegten PANAMA-Bierchen - serviert in handlichen 3/4 Liter Flaschen. Bei der Rückkehr entdeckt Wolfgang, daß das Zimmer wohl dem örtlichen Hühnerzuchtverband als Brutkammer zur Verfügung gestellt werden soll und zieht es vor, im Geländewagen zu nächtigen, wo die letzten zwei Weinflaschen sanftes Einschlummern versprechen. Keine halbe Stunde und keine halbe Flasche Wein später erscheint auch Klaus am Wagen, und gemeinsam macht man sich an die fachgerechte Entsorgung des Traubentrunks. So großzügig, wie die beiden drüber hinwegsehen, daß der Vierrädrige zwischen Schlammpfützen und Sumpf parkt, so großzügig sind sie am nächsten Morgen bedient mit Mosquitostichen.

Aber was soll’s: Schlaf ist Schlaf und Urwald ist Urwald.
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Tag 10, Mittwoch, 10. Januar
Die Nacht ist kurz, das Erwachen eine Qual und der Weg nach Yaviza, dem Endpunkt der Panamericana noch weit. Noch weiter, denn schon bei der nächsten ausgedehnten Schlammpassage macht einer der Reifen einen schlappen Eindruck und schlottert eher unschlüssig auf der Felge hin und her. Doch die Pan-tastischen Vier kämpfen sich weiter, bis sie feststellen müssen, daß sich das Ventil vom Schlauch gerissen hat. Gut, wenn man einen Super-Spezial-Touren-Easy-Lift dabei hat, der zur Not auch noch als Benzinkanister dienen kann.

Danger Zone! Ein Leck in einem der Easy Lift Kanister führt zu einem striktem Rauchverbot während des Reifenwechsels. Dann: auf, auf, die Straße bzw.,was davon übrig ist, ruft. Anschließend werden die schon des öfteren erwähnten Lücken in der Straße so groß, das die ganze Straße nur noch eine einzige Lücke ist - bis oben hin voll mit Schlamm.

Mit jedem Meter wühlen sich die Pan-Americanas tiefer in den schlonzigen Morast. Hier entwickelt sich der anfangs so hilfreich praktische Geländewagen zum Hauptproblem bei der Überwindung der immer wiederkehrenden 50 bis 150 m langen Schlammpassagen: Die Furchen, die "El Tractor", ein umgebauter Big-Foot-Toyota, der die Strecke als Polizei-Taxi-Transport-ADAC abfährt, hinterläßt, sind gute 40 cm breit und tief. Breit genug, daß zwar die Mopeds - wenn auch mit Anlauf - durchkommen, aber zu tief für den Geländewagen. Immer wieder setzt er auf. Nur unter Beteiligung zufällig vorbeikommender Indianer und mittels abgehackter Bäume und tonnenweise Steine - wohlgemerkt bei 40° im Schatten und 200% Luftfeuchtigkeit - , kriegt man ihn wieder los. Daß sich dieses Prozedere ständig wiederholte, wirkte sich sehr nachteilig auf die Reisegeschwindigkeit aus: in 6 Stunden grade mal 5 Kilometer weit.

Und 20 km fehlten noch bis Yaviza, der letzten größeren Ansiedlung vor Kolumbien. Da nach den kurzerhand durchgeführten Hochrechnungen die Reise ungefähr bis zum Jahr 2027 gedauerte hätte, faßte man den Beschluß, daß Klaus & Wolfgang mit dem Motorrad alleine weiterfahren und Gerardo und Darius den Geländewagen bewachen. Die beiden anderen organisieren - wenn sie durchkommen - "El Tractor", der dann den Geländewegen in Sicherheit schleppt.

Nur mit Motorrädern ging‘s wieder etwas flotter. Doch immer wieder verzieren aufgeschobene Hügel den Weg und bilden eine Art Behelfsbrücke über gefällte Bäume. Da man aber nicht sieht, was dahinter ist, teilt man sich weiter auf: einer fährt hoch, guckt und berichtet dann. Wolfgang fährt zuerst und was er dahinter sieht, ist das pure matschige Grauen. Matsch, Schlamm, Schlick bis zum Horizont und nicht der Hauch einer Traktorspur. Wolfgang will es nicht wahrhaben und fährt zurück. Läßt Klaus nachgucken. Doch auch der erkennt, daß der Ausflug hier wohl zu Ende ist.

Zeit für Tränen der Enttäuschung bleibt aber nicht, denn jetzt gilt es, den Rückweg einzuschlagen und noch vor Einbruch der Dämmerung, den Geländewagen zu erreichen, was auch gerade noch klappt. Die zwei anderen haben inzwischen einen Indianer aufgetrieben, auf dessen Grundstück die Hängematten aufgeschlagen werden können.

Da bei der Erkundungsaktion die letzten Wasservorräte draufgingen, erfreut der Anblick eines Bachs, der in der Nähe vorbeiplätschert, besonders. Nachdem alle sich so gut wie möglich in der lauwarmen Plörre abgekühlt haben, machen sich die Vier dran, mit dem mitgebrachten Katadyn-Filter Wasser zu desinfizieren und trinkbar zu machen. Da aber mit einer halben Stunde Pumpen gerade mal ein halber Liter Wasser herauskommt, für dessen Gewinn man aber einen halben Liter als Körperschmierstoff braucht, schlägt man alle Vorsicht in den Wind und trinkt so. Die paar Amöben ...
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Tage 12-14, Freitag-Sonntag, 12.-14. Januar
Gleich nach dem Aufwachen geht’s weiter. Mit der Fahrt. Und mit dem Regen. Den bemerkt leider auch die Zündung und der vordere Zylinder der wasserscheuen Panamericana II setzt wieder aus. Doch diesmal hält sich niemand mit dem Feuchtigkeitsproblem in der Zündung auf. In den vier Köpfen gibt es nur noch einen Gedanken: die Zimmer im El Panamá. Also möglichst schnell hin und nicht lang rumdoktern, sondern auf einem Zylinder weiterprötteln: nothing beats cubic inches. Man muß nur genug dabei haben.

Da geht dann auch 6 Stunden lang gut bis Cañita, wo die Vier - wie schon auf der Hinfahrt - wieder einen Snack in der Lieblingscantina nehmen. Während die Verdauungsorgane auf Hochbetrieb schalten, schaltet der Regen auf Ende und siehe da, beim Weiterfahren laufen wieder beide Zylinder. Mit doppelter Kraft donnern die Vier dann nach Panamá City, wo sie nach weiteren 3 Stunden Fahrt ankommen.

Tag 13

Sie sinken auf die Knie und danken dem Herrn, daß sie bei der Abfahrt schon die Zimmer im El Panamá reserviert hatten. Denn bei der erneuten Ankunft sehen die Pan-tastischen Vier aus wie Familie Monster aus dem Moor. Und es ist nicht nur das Aussehen: Freunde, seid, froh, daß das hier keine Scratch’n’Sniff-Seiten sind.

Nach 9 Stunden Starrahmenfahrt hat die Unterschrift auf der Kreditkarte nicht mehr viel zu tun mit der Schrift, die aus den durchvibrierten Händen kommt, weil nicht die Showa-Gabeln die Schläge abgefangen haben, sondern die Hände ... die den Stift gemeinsam führen.

Jedenfalls und irgendwie läßt sich der Portier doch noch erweichen, den Vieren zwei der luxuriösen Zimmer zu geben. Dort werden erst die Körper von außen gereinigt, was mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Anschließend werden die Klamotten feierlich der Hotelwäscherei überreicht. Dort bricht blanke Begeisterung aus, denn noch nie zuvor hat man derart durchdringenden, nasenbetäubenden Schmodder-, Schlamm- und Schweißgestank wahrgenommen, außer vielleicht in einem fensterlosen 12 Quadratmeter-Stall mit einer Herde paarungswilliger Moschusbullen. Diesen denkwürdigen Auftritt feiern die Vier mit der gründlichen Waschung der inneren Werte mittels ortsüblicher vitaminreicher Erfrischunggetränke.

Tag 14

Ach wie schön, ein freier Tag. Den nutzt man für gemütlichen Kundendienst an Leib und Seele und Motorrad: Ketten schmieren, Zündung entwässert, Ölwechsel, Matratze belasten, Scharchquotient prüfen und Gammelfaktor erhöhen. Die Waschung des Geländewagens überläßt man einer Straßengang, die sich nach ausführlicheren Verhandlungen über den Geldbetrag dazu überreden ließ, das Gefährt von ca. einer halben Tonne Schlamm innen und außen zu befreien.
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Tage 15-16, Montag-Dienstag, 15.-16. Januar
Mal was Neues: Es regnet. Nicht irgendwie, sondern so stark, daß man das Gefühl hat, als würde man sich auf dem Grund des Panamakanals fortbewegen. Kein Wunder, daß beim Frühstück geknobelt werden muß, wer denn Motorradfahren darf. Doch nach ca. 100 km Unterwasserfahrt haben die Pan-tastischen Vier den Regen überholt und prötteln im strahlenden Sonnenschein weiter. Auf dem Weg zur Grenze nach Costa Rica findet eine Weltpremiere statt: Vor der besten Bierwerbung der Welt für das schlechteste Bier der Welt präsentiert W&W das neuentwickelte Nummernschild-Sidemount-System. Kurz vor Paso Canoas wird Gerardo von einem Taxi auf die linke Spur abgedrängt just, als auf dieser gerade ein Sattelschlepper entgegenkommt. Gerardo steigt erst in die Eisen und dann ab, bevor die Panhead den Truck stoppt, indem sie wie ein Bremskeil unter den Reifen schliddert und ihn aufschlitzt. Gerardo kommt mit leichten Blessuren davon, was man von der Panhead diesmal nicht behaupten kann. Nett wie die Pan-tastischen Vier nunmal sind, helfen Sie dem Trucker den Reifen zu wechslen und ziehen die Panhead unterm Truck vor.

Damit ist aber klar, daß der Grenzübertritt für diesen Tag gestorben ist. Gerardo und Klaus fahren los, eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, während Wolfgang und Darius anfangen, die Panhead zu zerlegen. Ein mitleidiger panamaischer Mopedfreund stellt seinen Garten zur Verfügung, ein Fischrestaurant aus der Nachbarschaft sein Autogen-Schweißgerät und eine Tankstelle um die Ecke hilft mit schwerem Gerät wie Presse, Rohrbiegemaschine und einem schweren Hammer, um die Bremsscheiben zu planen.

Gegen Mitternacht ist der Vergaser mit Silikon angeklebt, die Standrohre geradegebogen, neue Fußrasten aus Metallresten konstruiert und die Kiste blubbert, als wär‘ nie etwas gewesen: Old Harleys never die. Im Hotel werden die angeschlagenen Gemüter mit einer Flasche Rum generalüberholt und dem Körper ein Mützchen Schlaf verordnet.

Tag 16

Nach einem ausgiebigem Alka-Seltzer Frühstück machen sich die Pan-tastischen Vier dann endlich auf den Weg zur Costa Ricanischen Grenze. Jeder Grenzübertritt bringt eine neue Herausforderung: Beim Versuch, ein Auto zu mieten, werden die vier auf ein Leihwagengeschäft verwiesen, das ca. 50-60 km weiter reichlich abseits der Panamericana liegen soll. In Golfito, direkt am Pazifik. Früher ein weltbekannter Bananenhafen, jetzt ein verträumtes Freakdorf, hat Golfito zwar keine Mietautos auf Lager, aber dafür eine Zweigstelle der Gourmetkette "Chez Gott": Ein Franzose, der sich vor Jahren nach Golfito abgesetzt hatte, offeriert saubere Betten, bestes Essen, guten Wein und frischen Fisch. Und bei genau diesem haben dann die werten Gäste auch die Wahl zwischen kleinen, mittleren oder großen vollständigen Tieren. "Groß!" brüllt Klaus "El Paparazzi" Hagmeiers Magen und sein Mund gehorcht - was dann serviert wird, ist ein Flossentier so ähnlich wie ein Sportstertank - nur deutlich zarter und bekömmlicher. Diese doch üppige Kalorienaufnahme katapultiert wenig später die Vier direkt in die Heia und von da in den Tiefschlaf.
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Tage 17-20, Mittwoch-Samstag, 17.-20. Januar
Bestens ausgeschlummert beschließt man, auch diesen Tag noch im lauschigen Golfito zu vertrödeln. Zum Beispiel mit dem Traum von einem Panamericana-Trip ohne Schlaglöcher. Aber moment mal, war da unterwegs nicht eine Landepiste? Die Vier satteln die Hühner und prötteln los. Für ein paar Mark wird eine betagte Cessna inklusive Pilot gemietet und dann geht‘s erst im Tiefflug über den Río Fixaola und dann haarscharf über den Urwaldwipfeln hoppelfrei die Panamericana lang. Die Bandscheiben atmen auf und die rückwärtige Sitzmuskulatur entpannt sich fühlbar.

Nach dem Touchdown machen sich die Pan-tastischen Vier über die Fischreste des Vortags her, die nichts von ihrer Köstlichkeit eingebüßt haben. Auch die Betten sind so weich wie am Abend zuvor und der Schlaf so tief wie die Schlaglöcher, die es bald wieder zu ergründen gilt.

Tag 18

Keiner hat‘s besonders eilig, die Holperstrecke wiederzusehen. So gerät der Aufbruch sehr entspannt. Um die Mittagszeit setzen sich die Zwei mal Zwei Zylinder und dazugehörigen Räder plus Mannschaft in Bewegung: San José ruft. Doch vor die große Stadt haben die Dschungelgötter noch einige Hundert Kilometer Piste, strömenden Regen (wer hätte es gedacht!) und eine Überraschung gestellt: Eine kleine Spezial-Abkürzung von Golfito zurück auf die Panamericana stellt sich als kleiner Spezial-Umweg heraus. Denn die Hängebrücke, die da aus dem Dschungeldickicht auftaucht wie Indiana Jones aus‘m Sumpf präsentiert sich als von der Panamericana-Seuche befallen: ein Schlagloch jagt das nächste. Und was Schlaglöcher in einer Holzhängebrücke über einen mindestens 30 Meter tiefen Canyon bedeuten, brauchen wir hoffentlich nicht zu erklären. Zumal das Material um die Löcher herum sich als recht morsch erweist. Zwar gelingt es den Pan-tastischen Vier einige der Bretter gegen neueres Material auszutauschen, aber auf die Brücke wagen sich dann doch nur ein Lebensmüder zu Fuß und ein halbes Hinterrad.

So kurvt man lieber auf konventionellen Wegen zurück auf die Panamericana und nistet sich nachts in San Isidro ein. In einem First Class Hotel, dessen Daiquiris aber eher Tourist Class sind - rosa mit Kaugummigeschmack ... Naja, immerhin sind die Betten tierfrei und deutlich über 160 lang. Ist ja auch schon was.

Tag 19

Am nächsten Tag donnern die Pans mal wieder den Cerro de la Muerte hoch, diesmal in die andere Richtung, ohne Begegnung der Lkw-Art und direkt durch die Wolken in den freien Himmel.

Endlich. Zurück in San José am frühen Nachmittag. Getreu dem alten costaricanischen Sprichwort: "Kommst Du zufallig mal irgendwie nach San José, wenn’s noch nicht so spät ist, hey, warum gehst Du dann nicht gleich in die Kneipe um die Ecke. Das wär‘s doch, caramba." Gesagt, getan und eine Flasche Centenario niedergemacht. Jetzt war man fit, jetzt konnte es losgehen. Ab in die beste Bar der Stadt, guter alter Kolonialstil, gute Stimmung, gute Miezen, guter Rum, 24 hours a day, 7 days a week - fast wie daheim bei W&W, nur gibt‘s da keinen Rum.

Tag 20

Wie’s der Zufall so will, ist der nächste Morgen schneller da als der Heimweg. Also spart man sich den, um in Ruhe zu frühstücken. Ah, das tut gut. Und jetzt ein Bierchen? Also flugs wieder in die Stammbar und wie man so über Möpse und Motoren diskutiert, ist der nächste Morgen schon wieder da.
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Tag 21, Sonntag, 21. Januar
Ein neuer Morgen, ein neues Frühstück - und immer noch nicht vom Tresen weg und ins Bett gekommen. Jetzt aber Schluß. Denn Costa Ricas Natur lockt. Nach schier endloser Geländefahrt in Richtung Karibikküste führt die Straße genau - in den Río Toro Amarillo.Doch kurz vor den hat Sr. Juan Arrieta Chares sein Haus mit integrierter Bar plaziert, letztere bekannt als El Rancho Juanzón. Hier fordern Freizeitvergnügen noch den ganzen Mann und Nerven wie Drahtseile. Sehr beliebt: das Giftpfeilfröschefangen - aber was tun mit einem der giftigsten Tiere Mittelamerikas, wenn man kein Blasrohr hat.

Dann schon lieber beim Seitenständerausklappen eine Bothrops Schlegeli fangen - eine Lanzenotter, über die Herr Brehm in seinem Tierleben blumigst schreibt:

"Ihr Kopf wirkt in der Aufsicht deutlich dreieckig und läßt die besonders kräftige Ausbildung der Giftdrüsen und der entsprechenden Muskeln erkennen. Da das Gift ausserordentlich stark wirkt, kann der Mensch schon nach wenigen Augenblicken daran sterben, wenn er die volle Giftmenge injiziert bekommt. Als unmittelbare Folge eines Bisses färben sich die Haut und das Fleisch bald scheußlich schwarz, weil das Blut aus den Adern tritt, und dann breitet sich die Verfärbung über den ganzen Körper aus, so daß selbst die Augen rot unterlaufen..."

Das hätte Herr Schmidt besser mal vorher gelesen, denn voll Übermut schnappt er sich das Kriechtier am Kragen und erst durch die lautstarke, kreischende Intervention von Juan deucht ihm, daß diese Kreatur nicht zum Scherzen geboren ist.
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